Frauen und Bass
Es waren vor allem Frauen, die mich in den letzten Jahren immer wieder zum Nachdenken gebracht haben. Jedes Mal, wenn sie von meinem Forschungsgeist auf dem Gebiet der Akustik hörten, erzählten sie mir von ihren Erfahrungen mit basshaltiger Musik. Ihren zahlreichen Berichten zufolge herrschte auf manchen Konzerten oder Festivals eine dermaßen irrsinnige Bass-Lautstärke, dass sie die teuer bezahlten Veranstaltungen vorzeitig verlassen mussten. Nach und nach erreichte mich die gleiche Botschaft, bis ich die Ernsthaftigkeit dieses Problems erkannte und diesem Thema näher nachgegangen bin: dem Thema „Frauen und Bass“. Denn wie sich später herausstellte, hören Frauen nicht nur anders als Männer, sie haben auch eine um 2–3 dB niedrigere Toleranzgrenze für laute, bassbetonte Musik.
Es ist eine ungeschriebene Tatsache, aber sämtliche Lautsprecher dieser Welt werden von Männern entwickelt. Männer sind auch diejenigen, die die Beschallung der Festivals und Konzerte übernehmen. Selbst „der Mann am Mischpult“ ist meistens ein Mann. Wenn die Frauen dann die Konzertfläche betreten, werden sie vor eine vollendete Tatsache gestellt. Dabei wissen nur die wenigsten, dass das, was für Männer noch angenehm klingt, für Frauen oft schon nicht mehr akzeptabel ist.
Das größte Problem ist: Frauen werden so gut wie nie gefragt!
Meiner Meinung nach gibt es gar nicht so viele Gebiete der menschlichen Tätigkeit, bei denen der Anteil von Frauen so gering ist. Ein solches Gebiet ist z. B. das Mikro- bzw. Nano-Chipdesign. Ich weiß das, weil ich selbst sieben Jahre lang als Microelectronic-Designer gearbeitet habe und mir in all diesen Jahren keine einzige Frau über den Weg lief. Um diese Ungerechtigkeit – oder vielleicht einfach nur dieses Desinteresse – zu verdeutlichen, möchte ich einen Leserbrief und die Antwort der Redaktion der Fachzeitschrift „Hobby HiFi“ zitieren. Der Chefredakteur von Hobby HiFi, einem Magazin, bei dem es ausschließlich um den Lautsprecherbau ging, hieß Bernd Timmermanns. Er war für diese Zeitschrift jahrzehntelang redaktionell verantwortlich. In diesen Jahren hat er eine schier unglaubliche Anzahl von Lautsprechern entwickelt und veröffentlicht. Auch hat er viele Tausende Leserbriefe erhalten und beantwortet. Ich persönlich abonniere "Hobby HiFi" sowie „Klang + Ton“ seit dem Tag des Ersterscheinens und las seine Beiträge immer von der ersten bis zur letzten Seite. An dieser Stelle möchte ich sein Wirken würdigen und mich gleichzeitig bei ihm bedanken, weil ich von ihm viel gelernt habe. In einer der Ausgaben las ich einen Leserbrief und die direkte Antwort von Herrn Timmermanns, in der er sich sichtlich wunderte: Es war seit vielen Jahrzehnten der einzige Brief an die Redaktion, den eine Frau verfasst hatte. Es war für ihn eine wahre Sensation. Denn der Lautsprecherbau ist eine absolute Männerwelt. Frauen haben da entweder etwas komplett verpasst oder einfach vernachlässigt.
Dabei ist gerade der Lautsprecherbau ein dermaßen vielseitiges Gebiet, bei dem technische Akustik, Raumklang, Design, Ästhetik, Formgebung und der Klang der Musikwiedergabe aufeinandertreffen. Er ist eng mit dem Instrumentenbau verwandt. Zusammengefasst: ein Mix aus Technik, Kunst und Musik.
Zu dem Zeitpunkt habe ich kaum noch Lautsprecher gebaut, sondern nur noch darüber nachgedacht, was den Lautsprechersound ausmacht, sowie über seine Vor- und Nachteile. Also haben sich meine Überlegungen zum Lautsprecherklang nach den Gesprächen mit den Frauen etwas in die Richtung „Frauen und Bass“ verschoben.
Fakt ist, dass Frauen zierlicher und feingliedrieger gebaut sind als ihre männlichen Genossen. Oder anders ausgedrückt: Frauen haben nicht nur eine dünnere Haut, sind feinfühliger und sinnlicher – jeder darf jetzt die Liste fortsetzen –, sie haben auch ein Gehör, das evolutionsbedingt anders reagiert. Männer und Frauen nehmen Frequenzen unterschiedlich wahr; oft filtern wir genau das heraus, was wir gerade nicht hören wollen oder können. Und umgekehrt: wir sind sensibler für die Frequenzbereiche, aus denen die interessanteste Information kommt. Das ist eine der einfachsten Erklärungen, warum Frauen dem Bass gegenüber empfindlicher sind als Männer. Sie möchten eine sanfte, tiefe Stimme hören und keine, die sie anbrüllt.
Wenn ich jetzt zum Lautsprecher übergehen darf, behaupte ich, dass der moderne Basssound eher von der brüllenden Art ist. Also alles andere als sanft. Und wie macht man den Bass sanft? Ich betone, dass es sich hierbei nicht nur um die tonale Balance handelt, sondern um viel mehr: um die Art, wie der Schall überhaupt entsteht. Der Equalizer spielt hier erst einmal gar keine Rolle. Um einen anderen Klang zu bekommen, sollte man meiner Logik nach eine völlig andere Richtung einschlagen. Eine vollkommene Richtungsumkehrung des Weges also, den der Lautsprecherbau 100 Jahre lang gegangen ist. Ich muss zugeben, dass ich nicht sofort auf eine zündende Idee kam, wie das möglich wäre.
Irgendwann habe ich jedoch von einem Russen namens Altschuller erfahren, der lange als Patentingenieur in einem Patentbüro gearbeitet und im Rahmen seiner Arbeit zahlreiche Erfinder unterstützt hat. Er hat viele Beobachtungen gemacht, diese strukturiert und katalogisiert. Dabei ist eine Methode entstanden, die inzwischen als TRIZ-Methode bekannt ist. Er hat sie keinem Geringeren als Stalin präsentiert und gleichzeitig auf die missliche Lage der Erfinder in der Sowjetunion hingewiesen. Bekannt ist, dass in der Sowjetunion zur damaligen Zeit viele Patentanmeldungen als bedeutungslos abgestuft wurden. Die Anmelder gingen also leer aus. Interessanterweise wurden kurze Zeit danach irgendwo im Westen für die gleichen Erfindungen Patente erteilt. Was damals genau passierte und wer diesen Wissensexport (eigentlich Klau) betrieben hat und mit wessen Zustimmung, möchte ich an dieser Stelle nicht vertiefen. Fakt ist, dass Stalin – der ja als ungelernter Machthaber alle mehr oder weniger gebildeten Menschen kaltzustellen vermochte – Altschuller dafür mit einer 25-jährigen Gulag-Reise nach Sibirien „beglückwünschte“.
Während ich im TRIZ-Buch über die Theorie des Erfindens las, stolperte ich über einen Punkt namens „Umkehrung“. Was wird passieren, fragte ich mich, wenn man den Bass-Schalldruck herausnimmt, anstatt zu versuchen, ihn immer weiter durch geeignete Maßnahmen zu erhöhen? Das war letztendlich der Ansatz: Erst einmal musste ich den Bass wegmachen. Wie? Um die Sache nicht unnötig zu verkomplizieren, erspare ich den Leserinnen und Lesern die Erklärung und verweise auf meinen Blogbeitrag namens „Basurman Sound“. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Bass von Basurman tatsächlich deutlich entspannter ist und dass ich dafür viele Komplimente seitens der Hörerinnen bekommen habe.
So waren es zwei junge Freundinnen (18 und 28) unserer Band-Sängerin, die mich besucht haben, um sich den Basurman anzuhören und gleichzeitig von ihrer Tanznacht in einem der prominentesten Techno-Club Berlins zu erzählen. Es war also eine gute Gelegenheit einen Vergleich zum Basurman Sound zu machen, solange der Club-Sound aus ihren Ohren noch nicht "vom Winde verweht" war. Sie waren sofort einverstanden und haben sich auf dem Boden meines Holzhauses gemütlich gemacht – Basurman hört man ja am besten im Liegen. Ich machte die Musik an. Sobald der erste Basslauf eines Rap-Songs vorbei war, sprangen beide verblüfft auf und die ältere sagte: „Andreas! Bring deinen Basurman sofort auf den Markt! Es ist eine Sensation!“ Solche oder ähnliche Kommentare habe ich immer wieder zu hören bekommen. Von Männern zwar auch, aber die Frauen waren tendenziell mehr begeistert. Wenn das kein Grund ist, sich mit der Thematik etwas intensiver zu beschäftigen!
Anmerkung: Auf dem Titelbild ist die allererste öffentliche Vorführung von Basurman zu sehen. Fachbereich Audiokommunikation und -technologie an der Technischen Universität Berlin.